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Presse
BELZIG – Hin und wieder müssen die Zuschauer tief durchatmen. Wenn der „Typ“ an der Bushaltestelle prollig in sein Handy labert, seinem Kumpel gegenüber prahlt, was er am Wochenende wieder „ordentlich flachgelegt hat, keine zweimal, versteht sich“, dann ist das vor allem eine ordentliche Zumutung. Der Typ ist der Prototyp des Machos, die scheinbar coole Rolle ausfüllend, egal, ob sie ihm oder anderen gut tut oder nicht. „Ein richtiges Arschloch“, findet sein 22jähriger Darsteller Rudolf Münder, dessen sichtlich gereiftes, herausragendes Spiel und grundsympathische Ausstrahlung den „Typen“ dennoch zu jener Figur macht, die die Spannung des Drei-Personen-Stücks „Ich bin weg“ ganz weit oben hält. Am Donnerstag hatte die von Jörg Ehrnsberger exklusiv für die „Strumpfhosen“ geschriebene Geschichte, inszeniert von Frank Grünert und Wolfgang Woizick erfolgreich Premiere. Schule, Disko, Bushaltestelle und Wohnzimmer sind die Handlungsorte, die Marion Mentel gewohnt originell in einem einzigen gut gelaunten Bühnenbild unterbringt, diesmal passend im sorglosen Allerwelts-Ikea-Ambiente.
„Ich bin weg“, sind die letzten drei Worte, mit denen sich die Hauptheldin, sensibel gespielt von Sophie Graf, per SMS aus dem Leben verabschiedet. Später wird die Zeitung von einem weiteren 17jährigen Opfer einer Flatrate-Party berichten, die doch eine so gute Schülerin gewesen sei. So endet das Stück, und der Zuschauer ist erschrocken über den großen Sprung von der bis dahin leicht, temporeich und witzig erzählten Handlung, die atemlos-betroffene Momente ebenso hervorruft wie befreiende Lacher und die die aufziehende Katastrophe nicht recht erkennen lässt.
Die Heldin – intelligent, wach und alles Schablonenhafte scharfzüngig in Frage stellend - sehnt sich nach einem wahrhaftigen Leben, fernab von hohlen Massenvergnügen und Gleichschaltung. Zugleich will sie nicht isoliert ‚draußen’ bleiben und lässt sich von der gut angepassten Freundin, überzeugend abgeklärt gespielt von Cordula Finster, zum Diskobesuch überreden. Dort trifft sie auf den Typen, der sie – eine der schönsten Szenen- in drei verschiedenen Rollen zu umgarnen versucht. Sie lässt ihn zunächst abblitzen, erliegt dann aber doch seinen – wie immer kühl berechneten - Annäherungsversuchen. Für sie ist es das erste Mal, für ihn eines unter „Millionen Malen, an Millionen Wochenenden an Millionen Orten.“ Sie zerbricht nicht nur an der Ignoranz der Rolle, die er glaubt spielen zu müssen, sondern auch an der Hoffnungslosigkeit dessen, was sie als „wahre Mathematik“ des Lebens bezeichnet: „Eine unendliche Kette Unbekannter, die so was von beschissen parallel nebeneinander herlaufen, dass sie sich nicht mal in der Unendlichkeit treffen werden.“ Dass sich in ihm etwas zu regen beginnt und beinahe eine Liebesgeschichte hätte werden können, kommt bei ihr nicht mehr an.
„Auf parallelen Wegen laufen auch die drei Helden, gefangen in ihren Rollen, zerrieben zwischen Selbst- und Fremdbild und unfähig, wahrhaftige Beziehungen einzugehen“, sagt Autor Ehrnsberger über sein erstes Bühnenstück. Lange hat er dafür in Jugend- und sogar in Suizid-Foren im Internet recherchiert. Während einige ältere Zuschauer Sprache und Handlung für absichtlich überzeichnet hielten, winkt Rudolf Münder ab: “Ich fahre viel Zug, und was man da so mithören muss, ist schlimmer. Das Stück trifft schon wirklich einen Nerv.“
Kerstin Henseke – Märkische Allgemeine Zeitung, 8.7.2008 |
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